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Datum: 12.11.2021

Rückblick auf die Jahreszusammenkunft der Institutionen für die Belange von Menschen mit Behinderung


Am 4. November 2021 fand auf Einladung von Erich Jacobsen, Beauftragter für Menschen mit Behinderung der Stadt Husum, im Ratssaal des Husumer Rathauses die Jahreszusammenkunft der Husumer Institutionen und Verbände für die Belange von Menschen mit Behinderung statt. Im vergangenen Jahr konnte diese aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden.

Jacobsen begrüßte - neben den zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus den Vereinen und Institutionen - Michaela Pries (Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung), Bürgermeister Uwe Schmitz, Hauptamtsleiterin Ira Rössel und Ruth Grenz als Vertreterin des städtischen Ausschusses für Soziales und Jugend. Er berichtete davon, dass es einige Fortschritte bei der Arbeit am Abbau von Barrieren gab und bedankte sich bei den Stadtverantwortlichen für das kooperative Miteinander.


In der im März dieses Jahres überarbeiteten Richtlinie für die Bestellung und die Tätigkeit des Beauftragten für Menschen mit Behinderung drückt die Stadt Husum ihre Entschlossenheit dazu aus, die Rechte von Menschen mit Behinderung zu wahren und die Entwicklung zu einer behindertenfreundlichen Stadt voranzutreiben. Das Rederecht des Behindertenbeauftragten in den Gremien der Stadt ist in der Richtlinie schriftlich fixiert worden. Entsprechend nimmt Jacobsen an den meisten Ausschusssitzungen aktiv teil und versucht bei allen Entscheidungsträgern das Bewusstsein für die Behindertenbelange zu schärfen. Vor allem sieht er beim Bauausschuss Fortschritte: "Ich werde zu einzelnen Maßnahmen frühzeitig mit eingeplant und kann so für Strukturen werben, worauf zukunftsorientierte Inklusionsprozesse möglich erscheinen." Dies sieht er auch bei den vielen Arbeitsfeldern des Ordnungsamtes, wo seine Anregungen ernst genommen und angegangen werden. Als Beispiel nannte Jacobsen die Umrüstung einer Ampelanlage mit einem app-gesteuerten System zur Unterstützung von Blinden und Sehbehinderten.

Jacobsen wünscht sich von der Politik aber insgesamt mehr Initiativen, die über ein Herangehen an bestehende Defizite hinausgehen. Man solle weg von der "Fürsorgeebene" und mehr in Richtung "Selbstbestimmung" gehen.


Erich Jacobsen berichtete von der Initiative "Husum inklusiv", bei der an verschiedenen Orten Karten ausgelegt worden sind, auf denen Menschen mit Behinderung eintragen können, wo noch Barrieren bestehen, die abgebaut werden sollten. Hier kamen über 40 Karten zurück, deren Anregungen von Erich Jacobsen aufgegriffen werden. "Die enthaltenen Hinweise sind vielfältig und gerade durch die anonym mögliche Abgabe wird einiges thematisiert, was sonst vermutlich nicht angesprochen worden wäre."

Als "absolut inakzeptable Situation" bezeichnete Jacobsen die Tatsache, dass im Husumer Bahnhof beide Fahrstühle außer Betrieb seien: "Das große Bahnunternehmen braucht jahrelang dafür, dass in der Mobilität eingeschränkte Personen durch funktionierende neue Fahrstuhlanlagen endlich wieder auf den oder vom Bahnsteig kommen können."


In seinem Grußwort dankte Bürgermeister Uwe Schmitz Herrn Jacobsen dafür, dass er sich auch in den zwei Jahren der Pandemie engagiert für die Belange von Menschen mit Behinderungen eingesetzt habe. Gerade in dieser besonderen Zeit mit ihren großen Herausforderungen sei dies sehr wichtig gewesen. Schmitz berichtete davon, dass es vorkommt, dass man als Entscheidungsträger "in sich hineinschäme", wenn der Behindertenbeauftragte darauf hinweist, dass bei Planungen die Belange von Menschen mit Behinderung nicht ausreichend berücksichtigt worden sind. Der Bürgermeister machte deutlich, dass er sich eine Gesellschaft wünsche, in der die Rücksichtnahme auf die Interessen von Menschen mit Behinderung so selbstverständlich ist, dass ein Beauftragter überflüssig sei. "So weit ist die Gesellschaft aber noch nicht", sagte Schmitz. "Wir sind in einem Prozess." Er freue sich darüber, dass mit Veranstaltungen wie diesen der eigene Horizont erweitert werde.


Michael Pries, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, sprach Erich Jacobsen ebenfalls ihren Dank dafür aus, dass dieser sich während der Corona-Pandemie "nicht vergraben habe", sondern am Puls der Menschen gewesen sei. "Es sind schwere Zeiten gewesen und diese sind immer noch nicht ganz vorbei", sagte sie. Die besonderen Umstände im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie hätten wie ein Brennglas gewirkt und in besonderer Weise die strukturelle Benachteiligung von Menschen mit Behinderung sichtbar gemacht. "Eigentlich wäre ich gerne überflüssig, am liebsten gar nicht notwendig", sagte Pries, doch ihr gesetzlicher Auftrag, Bewusstsein und Öffentlichkeit für die Interessen von Menschen mit Behinderung zu schaffen, sei notwendig. 20 Prozent der Menschen hätten eine Behinderung und diese haben das Recht, möglichst selbstbestimmt ihre Arbeit, die Freizeit und das soziale Leben gestalten zu können. Sie möchte mit den Menschen in Kontakt kommen und von ihnen erfahren, wie ihre Lebensbedingungen sind und wie diese verbessert werden können. Michaela Pries sagte, dass sie den Eindruck habe, dass die kommunale Verwaltung in Husum gewillt ist, ihre und die Vorschläge von Erich Jacobsen zu berücksichtigen und umzusetzen. Sie freue sich sehr darüber, dass sie Teil dieser Verantwortungsgemeinschaft ist.

Im Anschluss an die Rede der Landesbeauftragten bat Erich Jacobsen sie darum, "Kontakt nach Berlin" aufzunehmen. Jetzt, wo gerade an einem neuen Koalitionsvertrag "geschmiedet" werde, könnte man Einfluss auf die Entscheidungen nehmen.


Es folgte eine Vorstellung des neuen Husumer Büros der EUTB (Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung) durch Anna Wiebke Hadenfeldt. Die Soziologin ist eine von zwei Mitarbeitenden der Beratungsstelle, die kostenlos und parteilich gegenüber den Ratsuchenden Planungs-, Orientierungs- und Entscheidungshilfe anbietet. Themen der EUTB sind Teilhabeleistungen, Rehabilitation, Zuständigkeiten, Verfahrensabläufe und Rechte wie Pflichten der Leistungsberechtigten. Die EUTB bietet "Peer Counseling" mit Beraterinnen und Beratern an, die selbst behindert sind, wodurch eine größere Vertrauensbasis entwickelt und eine Vorbildrolle wahrgenommen werden kann. Das Husumer EUTB-Büro befindet sich in der Schulstraße 4.


Stefan Jöns stellte das Zentrum für selbstbestimmtes Leben Norddeutschland (ZSL Nord e.V.) vor. Dies ist eine Selbstvertretungsorganisation, die die Entscheidungskompetenzen in die Hände von Menschen mit Behinderung legt. Zielgruppen seien Menschen mit Behinderung, von Behinderung bedrohte Menschen, Angehörige, Freunde und Interessierte. Ziele sind die Förderung der Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Chancengleichheit, volle gesellschaftliche Teilhabe, Realisierung von Menschenrechten behinderter Menschen und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Dies erfolgt über das Entgegenwirken und Aufzeigen bei Diskriminierung, Förderung des Verständnisses zwischen Menschen mit und ohne Behinderung sowie Erfahrungsaustausch jeglicher Art. Das ZSL Nord bietet verschiedene Gruppenangebote wie Stammtische, Online-Vernetzungen und das BIS (Bewusstseinsbildung, Interessenvertretung und Stärkung von Frauen für ein erfülltes Liebes- und Sexualleben) an. Das ZSL Nord betätigt sich als politische Interessenvertretung von Menschen mit Behinderung und beteiligt sich an Gremien, Arbeitsgruppen, Demonstrationen und an Öffentlichkeitsarbeit.



Zum Thema "Barrierefreie Kommunikation" sprach Undine Thießen (Referentin für Menschen mit Hörschädigungen im TSBW). Sie machte deutlich: "Die für die Mehrheit üblichen Informationen sind für einige Menschen nicht in gleicher Weise zugänglich" und zitierte das Sozialgesetzbuch, in dem geschrieben steht: "Hörbehinderte Menschen haben das Recht zur Verständigung in der Amtssprache Gebärdensprache zu verwenden." Thießen stellte anhand verschiedener Beispiele die Schwierigkeiten bei der Umsetzung von gesprochenen Worten in Gebärdensprache vor.



Das letzte Referat hielt Jörg Paysen zum Thema "Medienkompetenz für Menschen mit Teilhabebeeinträchtigung". Anhand einer Grafik zeigte er, dass Deutschland im Vergleich zu den vielen anderen europäischen Staaten Nachholbedarf bei der Digitalisierung habe. Thaysen stellte die Chancen der digitalen Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung vor, aber zeigte auch auf, dass diese in besonderer Weise Risiken ausgesetzt seien, z.B. gegenüber Viren, Trojanern, Abofallen, Cybermobbing, Isolation und einer Zur-Schau-Stellung ohne eigenes Wissen. Jörg Paysen sprach über verschiedene Konzeptionen zur Steigerung der Medienkompetenz.


Im Anschluss folgte eine Diskussionsrunde, in die sich alle Anwesenden mit Fragen und Anregungen einbringen konnten.

Erich Jacobsen rief am Ende der Zusammenkunft alle Beteiligten dazu auf weiterzumachen: "Die Arbeit, die wir machen, ist nicht immer leicht, aber sehr wichtig und von unschätzbarem Wert."

Er schloss mit einem Zitat von Eckart von Hirschhausen: "Gesundheit entsteht im Miteinander und gute Laune soll das einzige sein, womit ich meine Mitmenschen anstecke.“