Nachbericht: Verleihung des Emma-Carstensen-Preises mit Buchpräsentation am 18. August
Husum. Am Mittwochabend fand im Husumer Rathaus die erste Verleihung des Emma-Carstensen-Preises statt. Mit diesem wird von nun an jährlich eine in Husum lebende Frau ausgezeichnet, die nach der Flucht unter anderem erfolgreich einen Bildungs- und /oder Berufsabschluss erstritten und erarbeitet hat. Der Preis wurde von Marianne und Siegfried Carstensen ins Leben gerufen und wird von ihnen mit 1.000 € dotiert.
Im Rahmen der Preisverleihung ist ebenfalls das von Siegfried Carstensen (Enkel von Emma Carstensen) verfasste Buch „Emma und Ina Carstensen – Zwei starke Frauen in Nordfriesland“ vorgestellt worden, das die Frauentheatergruppe 5plus1 herausgegeben hat.
Britta Rudolph, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Husum, begrüßte „stellvertretend für die Husumer Frauengeschichtswerkstatt, die Frauentheatergruppe 5plus1 und Marianne und Siegfried Carstensen“ die anwesenden Gäste, darunter Bürgermeister Uwe Schmitz sowie die Patentochter von Ina Carstensen mit ihren zwei Töchtern zur ersten Veranstaltung nach dem Lockdown im Foyer des Rathauses. Mit Abstand hatten im Erdgeschoss und im ersten Stock 45 Gäste die coronabedingt reduzierten Plätze eingenommen.
Ein Buch wird vorgestellt
Der Abend, der musikalisch von der Cellistin Julia Polziehn von der Kreismusikschule begleitet wurde, begann mit der Buchvorstellung „Emma und Ina Carstensen. Zwei starke Frauen in Nordfriesland“. Siegfried Carstensens schilderte den Entscheidungsweg seiner Familie, was nach dem Tod der Tante Ina Carstensen, der ersten Schulrätin von Husum und Eiderstedt, mit dem überwältigend umfangreichen Nachlass geschehen sollte. Die Familie war zunächst ratlos: Container oder nicht? Siegfried Carstensen zitierte aus Goethes Faust: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!“ und erläuterte: „Unser Erbe war nicht für den Container bestimmt. Jetzt ergab sich die Chance, posthum zwei interessanten Frauen zu begegnen, die ich offenbar noch gar nicht richtig kennengelernt hatte. Also übertrug ich zunächst alles in die für heutige Generationen lesbarere lateinische Schrift und grub in Archiven Interessantes zu den Lebensumständen dieser beiden starken Frauen und Zeitzeuginnen aus in der Hoffnung, dass sich jemand einmal des Stoffes annehmen könnte.“ Nachdem er diesbezüglich Kontakt mit Prof. Thomas Steensen (damaliger Leiter des Nordfriisk Instituts) aufgenommen hatte, sagte dieser beim Anblick der mehr als 500 Schreibmaschinenseiten: „Daraus müssen sie ein Buch machen!“ und wenn Prof. Steensen ihn am Dockkoog „erwischte“, erinnerte er Siegfried Carstensen daran, dass dieser eigentlich am Schreibtisch sitzen solle.
Carstensen trat als das einzige männliche Mitglied der Husumer Frauengeschichtswerkstatt bei, die neben Frauenstadtrundgängen zu Töchtern der Stadt auch eine Ausstellung und eine Broschüre zu den ersten Frauen im Husumer Stadtverordnetenkollegium entwickelten. Eine der beiden ersten direkt gewählten Frauen war 1919, neben der Sozialdemokratin Christine Petersen, Emma Carstensen. Dies motivierte Siegfried Carstensen zum Fortschreiten bei der Arbeit an dem Buch. Ein besonderer Dank galt dabei Angelika Zöllmer-Daniel, die das Buch lektorierte und die Finanzierung des Projektes organisiert hat, sowie seiner Frau Marianne Carstensen, die das Projekt intensiv begleitet hat und der er das Buch widmet.
Der erste Teil der Veranstaltung schloss mit einer Kostprobe des vorgestellten Buches, gelesen von Angelika Zöllmer-Daniel und Angela Reinhard.
Ein Preis wird erstmalig verliehen
Britta Rudolph rief zu einem Gedankenexperiment auf: „Stellen Sie sich bitte vor, ein Buch würde heute vorgestellt mit dem Titel „Christian Carstensen. Ein starker Mann in Nordfriesland“ und im Anschluss würde ein Preis verliehen werden – erstmals. Er würde nach eben jenem Christian Carstensen benannt sein und ausgezeichnet werden würde ein Mann, der nach der Flucht gegen viele Hürden seinen beruflichen Weg in Husum geht. Würde das einen Unterschied machen? Ja, das würde es. Das wäre ohne Frage auch ein feiner Preis, ein glücklicher, verdienter Preisträger – es steht aber die empörte Frage im Raum: Warum sollten diesen Preis denn bitte nur Männer erhalten?“ Sie machte deutlich, dass das Geschlecht einen Unterschied mache und sich Stereotype hartnäckig hielten, „weil sie die komplizierte Welt so herrlich einfach machen.“ Aber Bildungswege, Geldverteilung, der Umgang mit Körpern, Familienleben, Gewalterfahrungen, Machtpositionen und Rollenerwartungen unterscheiden sich noch immer.
„Husum erhält heute einen neuen Preis – einen Preis für Frauen. Einen Preis für einen gelungenen Berufs- und Bildungsweg gegen alle Hindernisse, die nach der Flucht, nach dem Verlassen eines Landes und der Ankunft in Husum auf eine Frau warten. Einen Preis für das Aushalten eines Status-Verlustes und die Öffnung zu einer Neuorientierung. Einen Preis für eine bewusste Auseinandersetzung mit Herkunft und Familie“, erklärte Britta Rudolph. Sie würdigte Marianne und Siegfried Carstensen, die den Preis gestiftet haben und das Preisgeld aus eigener Tasche zur Verfügung stellen.
Siegfried Carstensen erinnerte daran, dass in den 60er Jahren die als am meisten benachteiligte Gruppe im Bildungssystem „die katholische Arbeitertochter vom Lande“ galt. Es habe sich seitdem viel geändert: In mehreren Fächern fielen nun die Leistungen der Jungen hinter die der Mädchen zurück und „junge Frauen bilden Mehrheiten in Hörsälen und erobern Hegemonien vormals klassischer Männerberufe“. Doch Carstensen gab zu Bedenken: „In der heutigen Migrationsgesellschaft allerdings ersetzte das Merkmal der weiblichen Geflüchteten bisherige Merkmale der Benachteiligung.“ Seine Frau Marianne könne „aus ihrer Tätigkeit unzählige Geschichten von dem langen Hürdenlauf erzählen, die viele der von ihr betreuten Frauen durchlitten haben“. Doch es gäbe in Deutschland und auch in Husum „kaum wahrgenommen von der Mehrheitsgesellschaft“ Frauen, welche die ihnen gebotenen Möglichkeiten nutzten und sich Bildungswünsche erfüllen könnten. Diese wirkten damit auch gegen weit verbreitete Vorurteile und Ressentiments. „Diese jungen Frauen möchten wir mit unserem Emma-Carstensen-Preis ermutigen und unterstützen“, bekräftigte Siegfried Carstensen.
Der Emma-Carstensen-Preis soll in Erinnerung an die Lebensleistung Emma Carstensens an eine Frau verliehen werden, die sich nach der Flucht trotz aller Widerstände mit Mut und Energie in Husum ein neues Leben aufgebaut hat.
Ausgezeichnet werden soll eine Frau
- für das Aushalten eines Status-Verlustes und die Öffnung zu einer Neuorientierung,
- für das erfolgreiche Erstreiten und Erarbeiten eines Bildungs- und/oder Berufsabschlusses sowie
- für eine bewusste Auseinandersetzung mit Herkunft und Migration.
Der erste Preisträgerin des Emma-Carstensen-Preises ist von Marianne und Siegfried Carstensen zusammen mit ihrem Arbeitskreis ausgewählt worden. Im nächsten Jahr wird eine Jury die Auswahl vornehmen.
Dann betrat Marianne Carstensen die Bühne, um das zuvor streng gehütete Geheimnis, wer die erste Preisträgerin des Emma-Carstensen-Preises sei, zu enthüllen.
Es handelt sich um Eugenie Sibbersen. „Liebe Eugenie, Du bist die erste Preisträgerin des Emma-Carstensen-Preises. Dieser wird dir verliehen für deine Zielstrebigkeit, deinen Kampfeswillen, deine Feinfühligkeit, deine Hilfsbereitschaft und deine Empathie“, sagte Marianne Carstensen an Eugenie Sibbersen gewandt, die gemeinsam mit ihrem Sohn in der ersten Reihe des Publikums saß. „Du bist von weither aus dem westafrikanischen Land Togo gekommen. Du bist nicht freiwillig aus dem Land gekommen, denn aufgrund eines Regimewechsels ist dir die Freiheit genommen worden. Du bist in ein Land gekommen, deren Sprache du bereits in der Schule gelernt hast, doch die Freiheit mündete in eine neue Abhängigkeit – in die Abhängigkeit als Geflüchtete in Deutschland.“ Es habe lange gedauert, bis Eugenie Sibbersen zu der Kraft fand, die sie heute hat. Neben hilfreichen Menschen, dem emotionalen Rückhalt durch die Familie und ihrer Bildung habe auch ihr fester Glaube Kraft gegeben. Marianne Carstensen trug einen Bibelvers vor: „Aber alle, die ihre Hoffnung auf den HERRN setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“ (Jesaja 40:31). „Wir freuen uns, dass wir dich mit dem Preis würdigen und ehren können. Und freuen uns auch, dass du ein Vorbild für andere bist.“ Mit diesen Worten bat Marianne Carstensen die Preisträgerin Eugenie Sibbersen darum, zu ihr auf die Bühne zu kommen. Das Ehepaar Carstensen überreichte ihr eine Urkunde mit der Aufschrift: „In Anerkennung ihres besonderen Lebens- und Bildungsweges wird Eugénie Sibbersen im Jahr 2021 der Emma-Carstensen-Preis verliehen. Gewürdigt werden ihr Mut, ihr Freiheitsstreben, ihre Energie trotz vieler Widerstände und ihre erfolgreiche Arbeit auf dem Weg zu einer beruflichen Neuorientierung.“ Eugenie Sibbersen erhielt den Preis in Form eines Fahrrades, das sie sich gewünscht hatte.
Anschließend sprach die Preisträgerin Eugenie Sibbersen:
„Bildung und Berufstätigkeit haben eine besondere Stellung in meinem Leben. Als ich nach Deutschland kam, war mir klar, dass ich mich einer neuen Kultur und den Werten anpassen muss. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass ich nicht in meinem Beruf arbeiten darf.“
Sibbersen beschrieb die demütigende Reaktion, die ihr entgegengebracht worden ist, als sie sagte: „Ich will hier arbeiten!“. Sie erzählt von der bedrückenden Einsamkeit in ihrer Zeit der Depression und dass sie sich eines Tages an die Bibel erinnerte, die sie von ihrem Physik-Lehrer geschenkt bekam. Im Neuen Testament fand sie Trost und inneren Frieden, weil sie erkannte, dass sie ein geliebtes Geschöpf Gottes ist: „Ich bin wertvoll. Ich bin einmalig.“ Sibbersen würdigte Emma Carstensen als eine „Frau, die eine Vision hatte und bis zu ihrem letzten Atemzug mit ihrer ganzen Kraft, Denken, Seele von ganzem Herzen gekämpft hat.“ Sie dankte allen, die sie auf ihrem steinigen Weg begleitet haben, insbesondere ihrer Familie, dem Ehepaar Marianne und Siegfried Carstensen, aber auch Emma Carstensen. An diese richtete sie die Worte: „Du bist nicht mehr da, dennoch bist du durch deine guten Werke sehr lebendig. Und das macht Mut!“
Autor: Gerrit Eggers
Kontakt für weitere Informationen:
Britta Rudolph
Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Husum
Telefon: 04841 666-196
E-Mail: britta.rudolph@husum.de
E-Mail: gleichstellungsbeauftragte@husum.de
Hintergrundinformationen zu Emma Carstensen:
Emma Carstensen war eine Husumer Lehrerin, Frauenrechtlerin und Politikerin. Neben Christine Petersen war sie die erste weibliche Stadtverordnete in Husum.
Nachdem Emma Carstensen geb. Rienau (1870 – 1940) eine Ausbildung zur Kindergärtnerin absolviert und das Lehrerinnenseminar in Lübeck besucht hatte, wurde sie Lehrerin an der Nord- und Osthusumer Schule. Sie heiratete Christian Carstensen (Lehrer an der Knaben-Bürgerschule in Husum) und musste daraufhin ihren Beruf aufgeben und auf alle erworbenen Pensionsansprüche verzichten, weil sie damit gegen das damals existierende Lehrerinnenzölibat verstoßen hatte. Sie übernahm Vorstandsarbeiten im emanzipatorischen Verein „Frauenwohl“ und war eine Mitbegründerin des Hausfrauenvereins. Außerdem war sie Gründungsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in Husum und wurde 1919 für diese in das Stadtverordnetenkollegium gewählt. Emma Carstensen war gemeinsam mit Christine Petersen (SPD) die erste weibliche Stadtverordnete in Husum und arbeitete gegen Wohnungsmangel sowie Ernährungs- und Bildungsnot.
In Husum ist eine Straße nach Emma Carstensen benannt worden und kürzlich wurde der Emma-Carstensen-Preis neugestiftet.
Emma und Christian Carstensen hatten zwei Kinder: Eine Tochter, Ina, und einen Sohn, Hans. Ina Carstensen war in der Nachkriegszeit die erste Schulrätin von Husum und Eiderstedt. Als sensible Beobachterin und Chronistin hinterließ sie ihre Erfahrungen in den von Wirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg geprägten Zeiten.
