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Datum: 27.09.2021

Leben und Berufsfindung in einer neuen Umgebung: Geflüchtete berichten von ihren Erfahrungen in Deutschland


Eine Flucht ins Ungewisse – das erleben weltweit Millionen von Menschen. In den vergangenen Jahren sind auch nach Husum Menschen gekommen, die aus ihrer Heimat fliehen und sich daraufhin in einer neuen Umgebung zurechtfinden mussten.

In Nordfriesland hat sich ein umfassendes Netzwerk gebildet, das den geflüchteten Menschen in allen Lebensbereichen Unterstützung anbieten konnte. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fallmanagements im Sozialzentrum sind innerhalb dieses Netzwerkes für die Begleitung der Geflüchteten auf dem Weg zum Spracherwerb, hin zu Maßnahmen und Qualifizierungen in Praktika und Arbeit zuständig.

Zu einer Veranstaltung im Ratssaal des Husumer Rathauses hatte Hilke Holthuis, Mitarbeiterin des Fallmanagements, geflüchtete Frauen und Männer eingeladen. Sie alle haben den Prozess des Spracherwerbs durchlaufen, haben an Maßnahmen oder Qualifizierungen teilgenommen und sind nun in Ausbildung, absolvieren ein Studium oder sind in der Arbeitswelt angekommen. Wie ist der Weg dahin gelungen? Was war gut, wo kann es mit den nun gemachten Erfahrungen besser gemacht werden – diese Fragen sollten bearbeitet werden.

Hülya Altun moderierte die Veranstaltung – sie hat in ihrem Übersetzungsbüro in Heide viele Zertifikate der Geflüchteten übersetzt. Sanoor a Mulla Mulla unterstützte sie beim Veranstaltungsablauf. Diese war in ihrem Heimatland sehr erfolgreich in der Personalabteilung eines internationalen Konzerns tätig und es gelang ihr, dank der richtigen Qualifizierungen ihren beruflichen Weg in Deutschland wieder aufnehmen zu können.

In einer Vorstellungsrunde nannten die etwa 25 Teilnehmenden neben ihrer Herkunft die Berufe, die sie in ihrem Heimatland ausgeübt haben und die, in denen sie nun in Nordfriesland tätig sind. Hier wurde bereits deutlich, dass an die ausgeübten beruflichen Tätigkeiten oder die akademischen Abschlüsse nur in wenigen Bereichen angeknüpft werden kann, beispielsweise bei medizinischen Abschlüssen und in einigen Ingenieurrichtungen. Ein Großteil der Geflüchteten muss sich aber für die Arbeitswelt in der neuen Heimat komplett umorientieren.

Sehr vielfältig sind die beruflichen Wege, die die Geflüchteten in Husum eingeschlagen haben: Aghil Noori - der eigentlich Schneider ist - arbeitet nun als Busfahrer. Maher Alaboud begann als Praktikant bei der Voss GmbH und ist nun dort als Bürokaufmann tätig und Farhad Ataee aus Afghanistan ist glücklich über seine Arbeitsstelle bei Bio Consult in Husum.

Jede und jeder muss seinen eigenen Weg gehen und dabei in den meisten Fällen auch sehr schwierige Herausforderungen meistern. Salman Hajo arbeitete nach dem Studium der englischen Literatur und Sprache als Lehrer im Irak. Der berufliche Einstieg als Lehrer in Deutschland wäre für ihn nur nach einer langjährigen Weiterbildung möglich: er müsste einen sechsmonatigen C2 Sprachkurs absolvieren und anschließend noch Pädagogik und ein zweites Fach studieren. Hinzu kommt das Problem, dass es fast unmöglich ist, Unterlagen der Universitäten des Herkunftslandes zu beschaffen. Aktuell arbeitet Hajo befristet beim Empfang des Husumer Rathauses. Wenn sein Vertrag ausläuft, steht er erneut vor der Frage, wie er seinen weiteren beruflichen Werdegang gestalten soll.

Im weiteren Veranstaltungsverlauf wurden nun Arbeitsgruppen gebildet, die zu den Themen “Sprachkurse“, „Maßnahmen und Qualifizierungen“ und „Praktika und Arbeit“ in einen lebendigen Austausch gingen – die Ergebnisse wurden schriftlich festgehalten.

In einer abschließenden gemeinsamen Sichtung der Ergebnisse konnten schon einige Kernpunkte zu den einzelnen Bereichen herausgearbeitet werden: Bei dem Thema „Sprachkurse“ wurde die Unterstützung durch das Fallmanagement des Sozialzentrum hervorgehoben. Häufig erwähnt wurden die zu langen Wartezeiten auf passende Sprachkurse und die Anschlusskurse. Viele wünschten sich mehr Unterstützung dabei, neben dem eigentlichen Kurs die Sprache immer wieder praktizieren zu können. Einige wiesen darauf hin, dass die Qualität der Sprachkurse in manchen Fällen verbessert werden könnte.

Im Bereich „Maßnahmen und Qualifizierung“ wurden die Angebote zur beruflichen Orientierung gelobt. Als besonders erfolgreich für den Einstieg in den Arbeitsmarkt haben sich Einzelcoachings mit gezielter Unterstützung bei Stellenauswahl und Bewerbung gezeigt. Insgesamt wurde häufig der Wunsch nach mehr Maßnahmen geäußert, um Wartezeiten sinnvoll nutzen zu können. Hier wurde auch die motivierende Begleitung durch das Fallmanagement hervorgehoben. Es wurden aber auch negative Erfahrungen in den Praktika genannt: Manch Arbeitgeber würden die Praktikanten ausnutzen, anderen Betrieben mangele es an Respekt den Geflüchteten gegenüber. Es kam vor, dass Zusagen über den Erwerb von Zertifikaten oder beruflichen Möglichkeiten gemacht wurden, die nach Absolvierung eines mehrmonatigen Praktikums von Seiten des Arbeitgebers nicht eingehalten wurden Eine grundlegende Schwierigkeit besteht darin, dass eine duale Ausbildung in den Herkunftsländern der Geflüchteten nicht angeboten wird – von daher ist die praktische Erfahrung in den Betrieben von besonderer Bedeutung und lange Praktika keine Seltenheit. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden gesammelt und sollen noch weiter ausgewertet werden – sie könnten so in die zukünftige  Angebotsgestaltung des Sozialzentrums einfließen.

Die Veranstaltung schloss mit einem Dank von Hilke Holthuis an die Anwesenden für die aktive Beteiligung und Gestaltung der Veranstaltung. Sie schloss die Veranstaltung mit den Worten: „Ihr seid eine tolle Bereicherung für unsere Stadt!“