Jugendarbeit in Corona-Zeiten
Husum. Corona setzt allen zu: Wirtschaft, Kultur Politik, Schule und Gesellschaft: Nahezu alle Bereiche des Lebens werden derzeit beleuchtet. „Kaum jemand richtet jedoch den Blick auf die Jugend und die Jugendarbeit“, so Lars Wulff, Leiter des Kinder- und Jugendforums BISS und Stadtjugendpfleger der Stadt Husum. Seit dem ersten Lockdown im März war das BISS für mindestens 6 Monate geschlossen oder nur bedingt geöffnet. Die Hoffnungen, ab Januar würde alles wieder „seinen normalen Gang gehen“, haben sich zerschlagen. Somit finden Kinder und Jugendliche derzeit keinen Ort vor, der je nach Bedürfnis und Interesse besucht werden kann. „Wir arbeiten überwiegend mit digitalen Angeboten. Das funktioniert bedingt und ersetzt in keiner Weise das, was die Jugendarbeit auszeichnet und was die Jugend benötigt: Spaß, Begegnung, Kommunikation, Annahme, Unterstützung und Verlässlichkeit!“, so Wulff, der mit seinem BISS-Team diese Erfahrungen derzeit macht. Auch andere Vereine und Organisationen der Jugendarbeit in der Stadt Husum bestätigen das. Auf Wulffs Anfrage an Vereine und Einrichtungen in der Stadt gab es entsprechende Rückmeldungen. Alle Vereine und Organisationen mit den Besonderheiten und Zielen stehen vor besonderen Herausforderungen, die so vielseitig sind, dass sie hier nicht kompakt wiedergegeben werden können. Gemein ist die Erkenntnis, dass derzeit kaum etwas möglich ist und dass Angebote auf digitalem Wege Grenzen aufzeigen. Es herrscht eine gewisse Online-Ermüdung. Wer über Laptop unterrichtet wird, will seine Freizeit nicht auch noch online verbringen. Außerdem ist es nicht damit getan, den Kontakt ausschließlich online zu halten.
„Das ist zumindest besser als nichts“, teilen die Besucherinnen und Mitarbeiterinnen vom Mädchentreff Husum Pro Familia mit. Die persönlichen Kontakte können digital nicht ersetzt werden. Den Mädchen und Frauen fehlen diese realen Kontakte zu anderen Menschen, der Austausch und die Unterstützung. Die Herausforderung ist derzeit, den Spagat zwischen den Bedarfen der Mädchen und Frauen des Mädchentreffs und den aktuellen Möglichkeiten zu bewerkstelligen und die Kontakte nicht zu verlieren.
Der Spielmannszug Rödemis berichtet von einer „durchaus angespannten Lage“. Allein den Mitarbeitenden sei es zu verdanken, dass durch ständige Kontakte über die sozialen Netzwerke der Verein lebendig bleibt. „In Zeiten, in denen Vereinsamung droht, ist Vereinsarbeit mehr als nur die Bereitstellung von Gerätschaften. Aber weder Hoffnung noch Zuversicht lassen sich auf die Dauer konservieren“, so Peter Empen, Pressewart des Spielmannszuges. „Veränderungen müssen bald spürbar sein, damit das Attribut „Freude an Gemeinschaft“ nicht verloren geht.“
Henning Jessen vom TSV Husum äußert sich: „Wir sehen die Gefahr, dass vor allem die wettkampforientierten Abteilungen größere Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg in den Wettkampf haben werden, da nicht absehbar ist, ob Mannschaften in gleicher Stärke vorhanden sein werden, vom Leistungsniveau ganz zu schweigen. Darüber hinaus hat sich ein enormer Stau beim Schwimmen aufgebaut, der vermutlich noch längere Zeit ins Gewicht fallen wird. Ein gesamter Jahrgang hat bislang kein Schwimmen gelernt, was natürlich nachgeholt werden muss.“ Erfreut zeigt sich Jessen über die Tatsache, dass trotz stark eingeschränkter Angebote die Mitglieder die Treue halten und nicht austreten, jedoch bleiben neue Eintritte derzeit überwiegend aus.
Neben den Husumer Vereinen melden sich auch die Jugendzentren aus Nordfriesland zu Wort. Alle Mitarbeitenden fragen sich, wo die Jugendlichen derzeit abblieben. Scheinbar ergeben sie sich und nehmen es billigend oder wütend in Kauf, dass „ihr“ Jugendzentrum geschlossen bleibt. Dabei können sie aber nichts weiter tun, sie ziehen sich weiter zurück. „Es braucht nicht Corona, um auf die vielen wichtigen Aspekte der Jugendarbeit hinzuweisen. Überall in der Jugendarbeit eignen sich Jugendliche Teamgeist, Kreativität, Verantwortungsbewusstsein und soziale Kompetenz an. Darüber hinaus wird der dringend benötigte Feuerwehr-Nachwuchs ausgebildet, Kultur wird geschaffen und bewahrt, die Fußball-Stars der kommenden WM werden gefördert. Und während zahlreiche geflüchtete Menschen in unsere Region kamen, hat die Jugendarbeit in allen Bereichen mit Bordmitteln beachtliche Integrationsarbeit geleistet. Das ist ein Gewinn für die Gesellschaft, der kaum gesehen wird“, so Wulff. Nur am Rande seien die großartigen Erlebnisse erwähnt, die Jugendarbeit darüber hinaus schafft: Ob Reisen ins Ausland zu Musikzug-Wettbewerben, Freizeiten, kirchliche Treffen mit Jugendlichen aus Tansania, Zeltlager, Ferienpass-Aktionen, internationale Begegnungen der Pfadfinder bis hin zur Teilnahme von Sportlerinnen und Sportlern an der Olympiade: An diese Erlebnisse erinnern sich Jugendliche ein Leben lang und es prägt sie. So etwas kann und macht nur Jugendarbeit, jedoch derzeit eben nicht. Jugendarbeit ist system-relevant und nicht nur „Nice to have“. Wulff bittet um die Unterstützung und weitere Förderung der Jugendarbeit in diesen schweren Zeiten. Wir benötigen mehr denn je die Unterstützung und Anerkennung der Verantwortlichen und der Öffentlichkeit. Wulff ist sicher: „Nach Corona werden sich viele Dinge ändern, auch die Jugendarbeit! Wir müssen dranbleiben!"
